Er ist weder Koch noch Sommelier, besitzt kein Restaurant, kein Feinkostgeschäft, kein Hotel. Und doch hat Lukas Lienhard jeden Tag aufs Neue mit Essen zu tun, mit Tischkultur, Gastronomen, Fine Dining und allem, was hineinspielt in diesen Lebensbereich. Lukas Lienhard ist Fotograf, genauer gesagt: Food-Fotograf. Die Hauptrolle bei ihm spielt das Essen. Doch das war nicht immer so.
Mit Mitte/Ende 20 wirft Lukas Lienhard hin. Statt weiter die Werbeleiter hochzuklettern, dreht er das Rad zurück auf Anfang. Er kündigt den Job, verkauft sein Auto und beginnt bei null. Sein Plan: Fotograf. Genauer: Food-Fotograf. Zwölf Jahre später zählt Lukas zu den besten seines Standes, er hat ein eigenes Studio in Zürich, betreut die Grossen der Branche. War’s ein mutiger Schritt? «Irgendwie schon», lacht er. Wir haben mit ihm gesprochen.
Spulen wir nochmal zurück, Lukas. Ursprünglich warst Du Werber, richtig?
Ja genau. Als Jugendlicher hatte ich mir das irrsinnig cool vorgestellt. Ich war geflasht von den grandiosen Spots der frühen Achtziger, Neunziger Jahre. Genau so etwas wollte ich auch machen! Kreativ sein, etwas Witziges schaffen, das war genau mein Ding…
… und auf einmal fandst Du Dich mit Mitte/Ende 20 in der Beratung wieder?
Richtig. Statt mich auszutoben, statt Claims rauszuhauen und Kampagnen zu kreieren, sass ich an Tabellen und Kalkulationen. Budgets erstellen, die Timeline im Auge behalten, Absprachen treffen, die Produktion koordinieren – so hatte ich mir Werbung nicht vorgestellt. Nachdem ich die Karriereleiter in der Agentur hinaufgeklettert war, schien mein Job meilenweit entfernt zu sein von dem, was ich ursprünglich wollte.
Ziemlich frustrierend, oder?
Und wie! Ich hatte meine erste Krise, stellte beruflich wie privat alles in Frage. Das Einzige, was ich sicher wusste: So kann es nicht weitergehen.
Viele hätten an Deiner Stelle gesagt: Zähne zusammenbeissen, das gibt sich wieder. Man hat es schliesslich weit gebracht… Wofür hast Du Dich entschieden?
Klar, ich war in einem Alter, in dem man nicht eben mal von vorn anfängt. Wenn man auf die Dreissig zugeht, dann hat man in allen Lebensbereichen schon ordentlich Strecke zurückgelegt. Das wirft man nicht einfach über den Haufen. Andererseits war klar: Es muss sich etwas ändern. Also habe ich mir vorgestellt, noch einmal ein Teenager zu sein. Und ich habe mich gefragt, was ich im Alter von sechzehn wohl anstellen wollte mit meinem Leben.
Was kam dabei raus?
Puh, ich hatte gleich zwei Berufswünsche auf einmal. (lacht) Koch hat mich gereizt, und Fotograf auch.
Beides auf einmal wäre ein bisschen schwierig geworden?
Ja leider! Also ging ich pragmatisch vor. Kochen könnte ich auch daheim, dachte ich mir. Und entschied mich für die Fotografie.
An der Klubschule sehe ich Dich irgendwie nicht?
Nein, wirklich nicht. Ich wollte es richtig machen. Habe meinen Job gekündigt, mein Auto verkauft, beruflich alles aufgegeben. Und habe mich an der Zürcher Hochschule der Künste um einen Studienplatz beworben. Die haben mich zum Glück aber nicht genommen.
Zum Glück?
Im Rückblick: absolut. Ich stand plötzlich mit nichts da. Job weg, Karriere weg, und ohne Studienplatz. Also habe ich mich darangemacht, alle Fotografen anzuschreiben, die ich kannte. Ich habe gefühlt auch alle angeschrieben, die ich nicht kannte. (schmunzelt) Und ich habe angefangen, Fotografen zu assistieren und so mein Geld zu verdienen.
Will heissen: Du hast das Handwerk von der Pike auf gelernt?
Auf jeden Fall! Am Anfang war es richtig mühsam. Die Leute warten nicht gerade auf einen, der eigentlich Werber war, jetzt aber Fotograf werden möchte und keine Ahnung hat vom Metier. Ich musste Klinken putzen, wurde immer wieder abgewiesen. Bis ich langsam, aber sicher einen ersten Fuss in der Tür hatte. Richtig los ging es, als ich die Assistenzstelle bei «annabelle» bekam. Wir waren damals zwei Profifotografen, die von zwei Assistenten unterstützt wurden. Zu viert haben wir alles fürs Magazin fotografiert, was fotografiert werden musste: von Parfümfläschchen bis hin zu Portraits.
Dort bist Du zum ersten Mal mit Food-Fotografie in Berührung gekommen?
Ja genau. Ich habe für «annabelle» meine erste Food-Strecke gemacht. Dass die Reise dorthin gehen würde, war aber lange nicht klar. Mein Portfolio war voll von allem Möglichen! Mode, Interieur, Portraits – da war alles dabei.
Wie kam’s dann zur Spezialisierung?
Als meine Zeit bei «annabelle» vorbei war, die Assistenzen dort dauern immer anderthalb Jahre, wollte ich um jeden Preis nach New York.
Du hattest ein Angebot dort?
Nein, ich bin einfach mal hin. (lacht) Ich wollte arbeiten, wollte Erfahrungen sammeln. Eine Stelle hatte ich nicht; ich bin wieder mit Profis los, so oft ich konnte. Fast wie am Anfang. Und natürlich habe ich in der Zeit keinen Rappen verdient… In New York bin ich auf den Schweizer Fotografen Henry Leutwyler gestossen. Der hat meine Arbeiten angeschaut und hat mich gefragt: «Und was willst du jetzt damit anstellen?» Er riet mir, mich zu spezialisieren. «Schau, das funktioniert nicht», meinte er. Man könne nicht alles gleichzeitig machen. Die Schweiz sei voll von Generalisten, die heute eine Hochzeit, morgen ein Modeshooting fotografieren. Ein bisschen Architektur, ein paar Portraits, zwischendurch mal eine Reportage. Leutwyler sagte, das ginge so nicht. Ich müsse mich für eine Richtung entscheiden.
Deine Wahl fällt auf Food-Fotografie?
Richtig!
Halten wir fest: Erst hattest Du Dich gegen den Kochberuf und für den des Fotografen entschieden; jetzt richtest Du Dein Augenmerk auf Food-Fotografie. Schliesst sich da nicht ein Kreis?
So habe ich das noch nie gesehen, aber ja, absolut, das ist so. Vor zehn Jahren wurde das Thema noch ganz anders behandelt. Heute denkt jeder, er sei Journalist, weil man im Internet einfach alles platzieren kann, was einem durch den Kopf geht. Fast genauso stattlich ist das Meer an Fotografen da draussen. Da fühlt sich jeder bemüssigt, sein Abendessen abzulichten. Es wimmelt in den Sozialen Medien nur so von Cupcakes und Avocado-Toasts. Das meiste davon schaue ich mir nicht an. Ob jemand am Morgen sein Müsli fotografiert, interessiert mich wenig. Wenn er aber die Frage aufwirft, wo das Müsli herkommt, wer es herstellt, welche Qualität es hat, dann ist das mega. Vor einem Jahrzehnt hatten wir noch einen ganz anderen Umgang mit Lebensmitteln und Essen.
Schlagen wir noch einmal den Bogen zum Thema Handwerk. Du als Fotograf siehst das Resultat Deiner Arbeit quasi schwarz auf weiss?
Ja, das ist so. Und das war am Ende genau mein Problem. In der Werbeagentur war ich irgendwann nur noch am Organisieren. Das ging hin und her – ohne, dass am Ende des Prozesses ein Produkt herausgekommen wäre. Etwas, das man greifen kann, das man in den Händen hält. Mich hat das immens gestört. Ich wollte anfassen, wollte etwas sehen, riechen, spüren. Und ich wollte am Ende den Outcome meiner Arbeit sehen.
Mit der Food-Fotografie hast Du da ja die perfekte Branche?
Absolut. Da spielt so vieles hinein! Die Lebensmittel, ihre Qualität, ihre Herkunft. Die Herstellung. Das Ambiente. Das Porzellan… Meine Arbeit ist wahnsinnig vielseitig! Wenn ich ein Kochbuch für Tanja Grandits mache, dann sieht das anders aus als für Sven Wassmer oder das IGNIV. Oder nehmen wir die Kulisse. Heute haben wir es clean. Da gibt es auf den Bildern viel weniger Gabeln und Servietten als früher. Wir haben den Teller, viel mehr braucht es nicht. Ihn ins rechte Licht gerückt, den Fokus auf das Essen, und fertig.
Fertig sind wir jetzt, platzhalber, auch mit dem Interview. Dabei hätten wir Dir noch lange zuhören mögen… Danke, Lukas, für den spannenden Einblick! Und viel Erfolg weiterhin!
Lukas Lienhard
Kochen oder Fotografieren – vor dieser Entscheidung stand Lukas Lienhard vor zwölf Jahren. Er hatte seinen Job in der Werbung an den Nagel gehängt, brauchte dringend etwas Neues und wagte den Sprung in eiskaltes Wasser. Die Wahl fiel aufs Fotografieren – zunächst jedenfalls. Lukas Lienhard assistierte, er arbeitete mit Profis im In- und Ausland zusammen und lernte das Handwerk. Dann die nächste Weichenstellung. Nicht Mode oder Portraits, nicht Architektur oder Landschaften sollten es sein. Lukas Lienhard spezialisierte sich auf Food – und so schloss sich der Kreis. Seither nimmt er genau das vor die Linse, was ihn am meisten begeistert: Köche und Lebensmittel, Fische, Bauern und Jäger. Und wenn er all die Köstlichkeiten auch nicht selbst zubereitet als Koch, so hat er doch hautnah mit ihnen zu tun. Diese Faszination spiegelt sich in den Arbeiten wider. Zeitschriften und Magazine gehören ebenso zum Kundenkreis wie Spitzenköche und grosse Gastronomen. Über die Jahre sind auch mehrere Kochbücher entstanden. Lukas Lienhard betreibt sein eigenes Atelier in Zürich.
Bilder: Lukas Lienhard
Das Gespräch erschien erstmals 2023 in Gourmet@Home.
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